Die Kreditklemme, die zum Teil von den Banken einfach weggeredet wurde, ist Fakt. Und sie wird immer schlimmer. Auch wenn der eine oder andere sagt, sie sei nicht da, so ist sie doch vorhanden. Und zwar so massiv, dass führende deutsche Wirtschaftsverbände sich für eine Erklärung zusammen getan haben in Bezug auf die Vergabe von Krediten. So haben der DIHK, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag, der BDI, der Bundesverband der Deutschen Industrie, der ZDH, der Zentralverband des Deutschen Handwerks sowie die BDA, die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände eine gemeinsame Erklärung an Bundeskanzlerin geschickt, in der die Gründe klar bezeichnet werden. Und genau diese Punkte sind auch die Kritikpunkte, wie sie bereits vor einer Weile auf einem anderen Finanzblog in einem Artikel mit dem passenden Titel beschrieben wurden: „Die Sturheit der Banken“.
Doch nicht nur Deutschland ist von Liquiditätsproblemen bedroht, auch in anderen Wirtschaftsnationen stockt die Vergabe von wichtigen Krediten – ganz besondere jene der Kredite an Selbstständige und Unternehmen -, um der Konjunktur wieder einen wichtigen Anstoß zu geben und den Motor der Wirtschaft wieder richtig zum Laufen zu bringen. Dass dies nicht so einfach ist, zeigt sich bereits die ganze Zeit. Die Leitzinssenkungen, vorgenommen von Notenbanken in aller Welt, verpuffen ohne nennenswerte Folgen. Die USA, Großbritannien und Japan, längst am Nullpunkt des Leitzinses angekommen, sind am Ende ihrer Möglichkeiten in diesem Bereich. Und nichts hat gezündet, anders als erhofft und auch anders als gedacht. Ein Problem dabei war, dass zum Beispiel in den USA bereits vorher der Leitzins niedrig war und es dadurch kaum mehr Spielraum nach unten gab. Anders in der Euro-Zone, in der die EZB noch im Sommer des vergangenen Jahres den Leitzins nach oben schraubte, anstatt die Zeichen der Zeit und vor allem der Rezession zu erkennen und den Leitzins entweder auf dem gleichen Stand zu belassen oder gar zu senken.
Inzwischen liegt der Leitzins für die Euro-Zone auch im niedrigen Bereich, auch wenn es noch einen Spielraum von 100 Basispunkten bis zum Nullpunkt gibt. Doch es ist nicht mehr viel Luft nach unten und selbst eine Senkung des Leitzinses gen Null, wie sie in den USA, in Großbritannien und in Japan durchgeführt wurde, bedeutet nicht zwangsläufig auch eine Senkung der Kreditzinsen durch die Banken. Ganz im Gegenteil. Wir sind in einer Zeit angekommen, in der die Banken den Vorgaben der Notenbanken nur teilweise folgen. So werden zwar die Zinsen für Geldanlagen immer mehr nach unten gesenkt in Folge der Leitzinssenkungen, die Kreditzinsen jedoch nicht. Des Weiteren, und genau dies ist ja unser Kritikpunkt, werden entweder höhere Sicherheiten für die Vergabe von Krediten verlangt, oder aber die bisherigen Sicherheiten plötzlich niedriger bewertet.
Und auch wenn die KfW, die Kreditanstalt für Wiederaufbau jetzt vollmundig verkündet, sie will den Banken unter die Arme greifen, aber sieht nicht zugleich auch die Probleme im eigenen Haus. Das vorhandene Kredit – und Bürgschaftsprogramm ist zwar ein guter Ansatz, doch die Hürden, die dafür gelten, sind so hoch, dass die Unternehmen letztlich immer größere Finanzierungsprobleme haben – und dadurch Export- wie auch Warenversicherungen fehlen.
Was man daran ändern könnte, dass haben sich schon so einige Experten überlegt. Eine Idee kam jetzt Willem Buiter, Wirtschaftsprofessor an der London School of Economics und Greg Mankiw, seines Zeichens Harward-Professor für Volkswirtschaftslehre. Vielleicht ist es auch leicht untertrieben, dies eine Idee zu nennen, dafür ist sie zu spektakulär, zu brisant und stellt eine These auf, die bis jetzt als undenkbar galt: Der negative Leitzins.
Das Erstaunen aller, welche diesen Begriff zum ersten Mal hören, ist wahrscheinlich gleich geartet. Ein negativer Leitzins, das geht doch gar nicht, das ist ein Ding des Unmöglichen. Denn es würde in einfachen Worten bedeuten: Die Notenbanken geben den Banken Geld dafür, dass sie sich Geld leihen.
Ein einfaches Beispiel hierfür ist der momentane Leitzins der Europäischen Zentralbank, der seit dem 7. Mai dieses Jahres auf 1,0 Prozent liegt. Dies bedeutet, für 100 Euro, die sich eine Bank bei der Notenbank der Euro-Zone leiht, muss sie einen Euro an Zinsen bezahlen. Würde die EZB den Leitzins ins Negative setzen, zum Beispiel um ein Prozent im Minus, würde das in Zahlen ausgedrückt wie folgt aussehen: Für 100 Euro, die sich eine Bank bei der EZB leiht, muss sie 99 Euro zurückzahlen.
Dies würde zugleich zu einem völligen Zinszusammenbruch bei Geldanlagen wie Tagesgeld und Festgeld führen, was zwei Folgen haben könnte. Entweder würden die Menschen dann statt zu sparen wieder vermehrt Geld für Konsum ausgeben. Oder aber, und das wäre zu befürchten: Sie würden ihr Geld, wie in früheren Tagen, als Banken noch nicht so sicher wie heute waren, ihr Geld unter die Matratze legen.
Und genau hier ist der Haken der negativen Leitzins-Idee. Wenn die Menschen ihr Geld wieder zuhause bunkern, aber gleichzeitig möglicherweise günstige Kredite aufnehmen, wird in keinem Fall mehr Geld in die Wirtschaft gepumpt, aber es ist eine Unmenge an Bargeld im Umlauf, das keinem etwas bringt. So würde die Senkung des Leitzinses auf ein negatives Niveau sinnlos verpuffen, weshalb Buiter und Mankiw auf eine sehr bedenkliche Idee kamen: Die Entwertung von Geldscheinen. So solle in einem Losverfahren eine Zahl zwischen 0 und 9 gezogen werden, und alle Geldscheine, die mit dieser Nummer enden, sollten dann automatisch entwertet werden. Dies würde dafür sorgen, dass die Menschen ihr Geld eben nicht unter der Matratze horten, sondern es ausgeben würden.
Die Theorie der beiden hat jedoch zwei Haken. Sie wäre auf der einen Seite eine Entmündigung jedes Einzelnen und würde viele von uns an die Geldentwertung der Jahre 1914 – 1923 in unserem Lande erinnern, die eine Folge der Hyperinflation dieser Jahre war. Die ganze Idee der beiden hat also einen bitteren Beigeschmack, der sich nicht einfach so überspielen lässt. Und einen zweiten Haken gibt es auch, der noch wichtiger ist und finanzwirtschaftliche Gründe hat. Wenn nur ein Land, zum Beispiel die USA, das im Umlauf befindliche Geld teilweise entwerten würde, wäre die Senkung des Leitzinses auf ein negatives Niveau ein Schuss, der völlig nach hinten losgehen würde. Denn die Bürger würden dann mit Sicherheit eines tun: Jeden Dollar, der nicht ausgegeben wird, in Auslandswährungen umtauschen, aber weiter billige Kredite aufnehmen, um sich Geld zu besorgen. Der Wirtschaft würde dies nichts bringen, ganz im Gegenteil. Möglicherweise würde der Konsum, eben aufgrund der Geldentwertung, sinken, und der Staat als Herr der Notenbank müsste draufzahlen, ohne dass der Konjunktur damit geholfen werden würde.
Der theoretische Ansatz von Mankiw und Buiter ist sicher nachdenkenswert, aber auch zu abgehoben theoretisch, dass er sich in der Realität einfach nicht umsetzen lässt. Dies ginge nur im Falle einer Weltwährung, die uneingeschränkt für alle Länder gilt und keine andere Währung neben sich duldet. Da dieses jedoch in sehr weiter, wenn nicht in unendlicher, Ferne liegt, bleibt es bei der blanken Theorie – und es muss weiter nach anderen Wegen gesucht werden, um den Liquidiätsproblemen beizukommen und der Kreditklemme ein Ende zu bereiten.
